Was ist Ju-Jutsu?

Ju-Jutsu ist eine Selbstverteidigungskunst, Breitensportart und Wettkampfsportart, die sich aus Schlagtechniken des Karate, Würfen und Bodentechniken des Judo, Hebeltechniken und Würfen des Aikido, sowie einigen Waffentechniken aus anderen Disziplinen zusammensetzt.
Die Entwicklung in Deutschland begann in den 1960er Jahren, als aus Erfahrungen der Polizei immer ersichtlicher wurde, dass die bis dahin zur Selbstverteidigung gelehrten Disziplinen Judo und Karate jede für sich allein genommen nicht effektiv und flexibel genug waren, Angreifer sicher abzuwehren. So wurde angesetzt, aus einer Kombination dieser Disziplinen und Elementen des Aikido, das von der Tokioter Polizei mit großem Erfolg praktiziert wurde, eine effektive und leicht zu erlernende Selbstverteidigungskunst zu kreieren. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist Ju-Jutsu, die "sanfte Kunst", die seit 1969 als eigenständige Budo-Disziplin existiert. Seither wurde Ju-Jutsu stetig weiterentwickelt und um Elemente weiterer Kampfsportarten ergänzt, um sowohl die Selbstverteidigung als auch, vor allem in den letzten Jahren, den Wettkampf zu verfeinern.
Kulturelle Wurzeln des Ju-Jutsu: Bushido
Die verschiedenen sportlichen Budo-Disziplinen entwickelten sich erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Jiu-Jitsu hervor, der waffenlosen Kampfkunst der Samurai, der japanischen Kriegerkaste.
Um in der eher rauen Geschichte Japans in den letzten eintausend Jahren bestehen zu können, mussten die den Regionalfürsten, Daimyo, später den Kriegsherren des Reiches, Shogunen, dienenden Samurai nicht nur den Kampf mit der Waffe - sei es Bogen, Speer oder Schwert - beherrschen, sondern auch den Kampf mit bloßen Händen. Schließlich kann im Schlachtengetümmel so ein Schwert schon mal abhanden kommen.
Die Kampftechniken orientierten sich wie der
gesamte Lebenswandel der Samurai am Bushido - dem "Weg des
Kriegers". In Kürze zusammengefasst, beschreibt Bushido den ehrenvollen
Lebenswandel des Kriegers (Bushi) und den loyalen Dienst seinem Herrn
gegenüber. Die fünf Hauptforderungen waren Treue gegenüber Herrscher, Elternhaus
und sich selbst, Höflichkeit, Tapferkeit, Aufrichtigkeit und Einfachheit oder
auch Reinheit. Wenn ein Samurai dadurch, dass er, als Beispiel, seinen
Daimyo enttäuscht oder gar beschämt hatte, gegen den Kodex verstieß, hatte
er seine Ehre verloren und konnte sie meist nur durch einen würdevollen Abgang,
dem rituellen Selbstmord Seppuku, meist im Westen als Harakiri
("Bauchaufschlitzen") bezeichnet, wiederherstellen.
Dieser für uns eher fremd anmutende Brauch wurde recht häufig angewandt, oftmals
mitten im Gefecht und in allen Formen und Farben. Ob beim sprunghaften
Von-Bord-eines-Schiffes-Gehen, inmitten eines Seeschlacht und in voller Rüstung,
was das Schwimmen recht erschwerlich gestaltet, Selbsterstickung durch das
Zugemüteführen größerer Mengen an Erde, der klassischen Selbstentleibung mittels
Schwertstich in den Bauch oder - etwas extravaganter - durch Selbstenthauptung,
für den entschlossenen und traditionsbewussten Samurai war stets eine Wiedergutmachung
seinem Herrn gegenüber möglich.
Dieser Punkt wird bei modernen Bushido- und Hagakure-Managerseminaren
meist ausgeklammert.
Doch nicht nur für professionelle Krieger, sondern auch für die Landbevölkerung konnten sich Kampfkunstkenntnisse oft als sehr nützlich erweisen. Nach der recht blutigen Vereinigung der konkurrierenden Fürstentümer Japans unter Shogun Tokugawa Ieyasu wurde gegen 1600 den Bauern der Besitz und schon gar das Tragen von Waffen verboten. Da Banditenbanden allerdings diesen Hang zur Befriedung nicht teilten, mussten sich die Bauern ohne Waffen zu helfen wissen, oder aus Landwirtschaftsgerät neue Waffen ersinnen. So sind die so gern als "Ninja-Waffen" bezeichneten "Nunchakos" (zwei Stöcke, die mit einer Kette oder einem Seil verbunden sind), die etwas militantere Variante eines Dreschflegels.
Der große Umbruch in der Japanischen Kultur kam ab 1866 unter Kaiser Meiji. Seit fast 400 Jahren waren die Kaiser nur die Marionetten der Tokugawa-Shogune. Meiji änderte dies. Er begann, den Einfluss der Tokugawa und der Samurai, die symbolisch für das alte System standen, gewaltsam zurückzudrängen und das seit 1600 selbstisolierte Land wieder nach außen zu öffnen und zu modernisieren - wofür das Erscheinen einer Flottille hochmoderner Amerikanischer Kriegsschiffe vor Japans Küste im Jahre 1853 bestimmt eine gewisse Motivation darstellte. In einem nie zuvor dagewesenen Kraftakt wurde die komplette Verwaltung und das Militär an die modernen Staaten angepasst. Für die Samurai war damit kein Platz mehr. Sie gaben ihre Schwerter entweder ab und wurden Beamte oder Offiziere oder fanden in den wenigen gewaltsamen Aufständen mit gezogener Klinge den Tod - wie im Film "Last Samurai" so schön und so historisch falsch dargestellt. Doch Bushido lebte in der Japanischen Kultur weiter, wie die Amerikanischen Soldaten durch die Kamikaze-Angriffe im Zweiten Weltkrieg schmerzhaft erfahren mussten.
Im modernen Japan wurden die Kampfkünste nicht mehr gebraucht. Doch allein aus Tradition wurden sie immer noch gelehrt und eifrig gelernt. Allerdings nun als Sportart. Artgleiche Techniken wurden zusammengefasst, alle wirklich gefährlichen - sprich tödlichen - Techniken aus dem Curriculum entfernt, und schon unterrichteten die alten Schulen, die über Jahrhunderte hinweg Samurai zu tödlichen Waffen veredelt hatten, "normale" Japaner und zunehmend auch Menschen aus dem Westen in Judo, Karate, Aikido, Kendo, Iai-Do und anderen Disziplinen. Über Matrosen gelangten die Sportarten schließlich nach Europa und zu guter Letzt über die einzelnen Meister in unsere Dojos.
Auch wenn Bushido selbst mit den Samurai aus dem Alltag verschwunden ist, so sind die Disziplinen des Budo - und damit auch Ju-Jutsu - noch immer von den Grundsätzen Treue, Respekt, Höflichkeit, Tapferkeit, Aufrichtigkeit und Reinheit geprägt.
Dementsprechend gilt auch im Ju-Jutsu eine gewisse Etikette. Denn im Budo soll nicht nur die Kampftechnik geschult werden, sondern auch das Wesen des Budoka. Diesen Weg zur technischen und persönlichen Vollendung bezeichnet "Do". Der Weg. Daher lautet die vollständige Bezeichnung unseres Sports Ju-Jutsu-Do. Der Weg der sanften Kunst.
Das Verhalten im Trainingsraum, dem Dojo, ist geprägt von Respekt. Respekt vor dem Meister, der einen Teil seiner Kenntnisse und seiner gewonnenen Weisheit vermittelt, Respekt vor dem Partner, der gemeinsam mit einem selbst den Weg beschreitet, und dessen Gesundheit, Eigenheiten und Ängste man achten muss, um den Weg des doch auch gefährlichen Sports unverletzt zu beschreiten. Schließlich muss man seine eigenen Fähigkeiten, seine eigene Persönlichkeit und seinen Platz unter Gleichgesinnten respektieren lernen.
Dieser Respekt zeigt sich durch die Geste des Verneigens. Wir verneigen uns beim Betreten des Dojos und der Mattenfläche, um unser Eintreten in einer Welt abseits des Alltags und die Würdigung des traditionellen Geistes des Sports auszudrücken. Zu Beginn und Ende des Trainings knien wir uns ab und verharren mit geschlossenen Augen, um mental den Übergang vom und zum Alltag zu tätigen und das Gelernte zu verarbeiten. Danach verneigen wir uns zum Sensei, mit geschlossenen Augen, um unser Vertrauen zu ihm oder ihr auszudrücken.
Während des Trainierens verneigen wir uns mit geöffneten Augen zum Partner, um die gestellte Auseinandersetzung mit Wachsamkeit und Respekt durchzuführen. Zum Respekt gegenüber Partner und Sensei gehört auch, dass wir während Erklärungen keine eigenen Gespräche führen oder auf der Matte herumlümmeln.
Ferner ist Ju-Jutsu ein Sport der Reinheit, was schon allein durch den ordentlich getragenen weißen Gi ausgedrückt wird. So sollten wir uns in nicht allzu ferner Vergangenheit gewaschen haben, was vor allem weibliche Trainingspartner mit Begeisterung zur Kenntnis nehmen werden. Ebenso sind Zehen- und Fingernägel kurz zu halten und Piercings zumindest abzukleben. Restlicher Schmuck ist auf der Matte ebenfalls fehl am Platz. Außerhalb der Matten, vor allem beim Gang auf die Toilette, sind Slipper zu tragen. Diejenigen, die Mattenschuhe tragen, haben diese beim Verlassen des Dojos auszuziehen. Denn es ist kein angenehmer Gedanke, dass eben jener Fuß, den ich gerade beim Bodenrandori im Gesicht habe, vor einer Minute noch vor den Pissoirs der an Zielschwäche leidenden Herren stand.
Und bei der Technikausübung gilt: Wenn der Partner abklopft, locker lassen. Der Partner weiß besser, wann er Schmerz verspürt und wo seine Limits liegen, als Ihr. Der höhere Gurt hat immer die Verantwortung für das Wohl des Partners. Wer dies nicht beachtet, darf sich nicht wundern, wenn er von den Trainern ähnlich grob behandelt wird.
Wenn diese essentiellen Punkte beachtet werden, ist Ju-Jutsu eine sichere und angenehme wertvolle Erfahrung, die einen nicht nur zu Sicherheit auf der Straße und körperlicher Fitness, sondern auch zu persönlicher Größe führt.
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